Auf den Spuren meiner verlorenen Sprache mit „Embodied Arts Pädagogik“

Zwei Gebirgszüge, die Sierra Madre Oriental und die Sierra Madre Occidental, treffen im heutigen Bundesstaat Oaxaca aufeinander und bilden eine zerklüftete Landschaft, die ein vielfältiges natürliches Ökosystem und eine ebenso vielfältige kulturelle und sprachliche Landschaft beherbergt: 16 verschiedene Sprachen werden vom mexikanischen Instituto Nacional Indigenista (INI) anerkannt, und etwa ein Drittel der Bevölkerung bezeichnet sich als SprecherInnen einer indigenen Sprache (INEGI, 2010). Während sich einige Sprachen einer großen Anzahl von SprecherInnen und lebendigen Gemeinschaften erfreuen, hat die anhaltende soziohistorische und soziolinguistische Unterdrückung zu einer Verschiebung zum Spanischen geführt, die viele indigene Sprachen bedroht hat (de Leon, 2017; Hinton, Huss & Roche, 2018). Doch neben der Geschichte der Herrschaft gibt es eine parallele Geschichte des Widerstands und der Kreativität, die neue Räume für indigene Sprachen durch Bottom-up-, kollaborative und multidisziplinäre Projekte eröffnet hat, die sich auf die Künste konzentrieren, um Sprachen und lokale Epistemologien wiederzugewinnen und zu revitalisieren (Flores Farfan, 2013).

Die Künste bieten vielfältige Möglichkeiten, um zu reflektieren, zu theoretisieren und sich auf verschiedene Arten des Wissens und des Seins in der Welt einzulassen, jenseits der lehrerInnen- und textzentrierten Ansätze, die für die Schule und die akademische Welt charakteristisch sind.
SprachwissenschaftlerInnen haben ein wachsendes Interesse an  Embodied Arts Pädagogiken gezeigt, um alternative Rahmen für das Verständnis von Mehrsprachigkeit und mehrsprachigen Identitäten durch Geschichtenerzählen (z.B. DeNicolo & Gonzalez, 2015) und theaterbasierte Pädagogik (z.B. Caldas, 2017) zu entwickeln, doch die meisten dieser Studien beschäftigen sich mit englischer Zweisprachigkeit und nur wenige haben untersucht, wie diese Pädagogiken als Strategien zur Rückgewinnung von Sprache dienen. Die Forschung von Maria Schwedhelm beschäftigt sich ebenfalls mit der Erforschung sprachlicher Ideologien und Identitäten, nimmt aber eine andere Wendung, indem sie die
Möglichkeiten verkörperter, kunstbasierter Pädagogik durch Performance, künstlerisches Gestalten und Geschichtenerzählen erkundet, um menschenrechtssensible mehrsprachige Praktiken (neu) ins Bewusstsein zu bringen und (neu) zu schaffen.
Es geht Maria Schwedhelm darum, eine wichtige Lücke in der akademischen Literatur zu füllen, aber auch darum – und das ist am wichtigsten – eine Lücke in der Praxis zu füllen, indem physische und ideologische Räume für indigene Sprachen in einer universitären Umgebung geschaffen werden.

Die Präsentation von Maria Schwedhelm, die sie für das voXmi-Regionalgruppentreffen am 19. Mai 2021 vorbereitet hat, basiert auf der ethnographischen Studie einer Klasse mit dem Titel „Sprache, Macht und Kunst“, die die Autorin im Frühjahr 2020 in der Abteilung für Sprachunterricht an einer öffentlichen Universität in Oaxaca-Stadt leitete. Die StudentInnen, von denen viele eine der indigenen Sprachen des Bundesstaates sprechen oder indigener Herkunft sind, beschäftigten sich mit der gemeinsamen Erforschung von Sprachideologien und Sprachregimen durch Geschichtenerzählen und Kunstschaffen und reflektierten darüber, wie diese Ideologien und Machtstrukturen unser Leben, unsere Bildung und unsere Gesellschaft beeinflussen. Die Studie stellt daher zwei Forschungsfragen: a) Welche Möglichkeiten gibt es für die Rückgewinnung von Sprache durch verkörperte (embodied), kunstbasierte Pädagogik an einer Sprachbildungseinrichtung? Und b) Wie theoretisieren, konstruieren, kreieren und realisieren Studierende Prozesse und Praktiken der Sprach- und Kulturrückgewinnung?
Geleitet von dekolonialen Ansätzen (Mignolo & Walsh, 2018), die die moderne Trennung von Theorie vs. Praxis in Frage stellen, wird die Studie von der fließenden Bewegung zwischen Theorie und Handlung geleitet, von der Klassenmoderation und dem Engagement in und mit „Sprache, Macht und Kunst“, um darauf zu achten, wie die Klasse kollektiv Theorie konstruierte und lokales Wissen durch Praxis (neu) schuf.
Insgesamt zeigen die Daten, dass die StudentInnen kollektiv über ihre multiplen Identitäten reflektierten, dominante Epistemologien in Frage stellten und angestammtes Wissen zurückforderten. Durch die COVID-19-Pandemie gezwungen, sich in die virtuelle Welt zu begeben, schufen die StudentInnen virtuelle Performances, die auf ihren eigenen Erfahrungen basierten, um kritische Gespräche über Sprache und Macht anzuregen, drehten Videos in ihrer Muttersprache oder ihren Herkunftssprachen, schrieben und illustrierten Kinderbücher, Gedichte und Graphic Novels, die alle über eine interaktive Online-Galerie namens „Revitalizando Ando“ veröffentlicht werden, die als Plattform zur Förderung neuer und bestehender Kollaborationen dienen soll. Die virtuelle Landschaft, in der wir zu arbeiten gezwungen waren, behinderte einige Möglichkeiten, ermöglichte aber verschiedene Arten von Beziehungen und Kollaborationen und unterstreicht den Wert kunst- und performancebasierter Pädagogik, um kritisches Sprachbewusstsein, Fürsprache und Aktivismus zu fördern, selbst in einem virtuellen Bereich. Darüber hinaus stellt diese Studie im Sinne einer Ideologie der Sprache als Prozess nachhaltiger Beziehungen (Henne-Ochoa et al., 2020) die Beziehungen und das vielfältige Wissen und die Identitäten der SchülerInnen in den Vordergrund, verkompliziert Essentialisierungen von Indigenität und offenbart eine konzeptionelle Konvergenz oder einen ideologischen Synkretismus (Meek, 2009), der uns dazu auffordert, uns die Rückgewinnung innerhalb verworrener Terrains (neu) vorzustellen.

Maria Schwedhelm_CVResume_2021

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