Video- und Telefondolmetschen an Kindergärten und Schulen – ein Praxisangebot

Auf der Website des BMBWF ist aktuell unter dem Stichwort Wir verstehen uns! – FAQ ein spannendes Angebot veröffentlicht, welches zunächst bis Ende des Schuljahres 2021/22 elementaren Bildungseinrichtungen sowie Volks- und Mittelschulen in ganz Österreich kostenlos Video- und Telefondolmetschen ermöglicht.

Warum ist es so wichtig, dass Schulen strukturell Unterstützung bei diesem so sensiblen Bereich des Dolmetschens erhalten? Der Beruf des Dolmetschers / der Dolmetscherin ist eine Profession für die sich Menschen durch ein eigenes Studium über Jahre qualifizieren. Dolmetschen ist daher nicht „einfach nur dolmetschen“ und „zwei Sprachen können“.

Gerade in sensiblen kommunikativen Situationen in Gesprächen mit Eltern oder Kindern ist es so wichtig, dass eine vertrauensvolle Atmosphäre hergestellt ist. Professionelles Dolmetschen bedeutet, objektiv und ohne Vorbehalte gegenüber einem der beiden Gesprächspartner zu übersetzen. Und hier liegt auch ein Grund dafür, weshalb diese Funktion im Idealfall weder durch Kinder noch durch Lehrpersonen, u.a. durch Muttersprachenlehrer/innen ausgeführt werden sollte. Beide sind oft zu sehr persönlich betroffen oder involviert.

Emmanuelle Gravier-Berger, VS Kematen/Ybbs, spricht aus langjähriger beruflicher Erfahrung:

„Eine der Aufgaben der Sozialpädagogik in der Bildungslandschaft Lernen Voneinander  ist als Bindeglied zwischen Familien und Volksschule zu agieren und vernetzt mit anderen Organisationen zu arbeiten, um eine gute Kommunikation zwischen Familien und Bildungsinstitutionen zu unterstützen. Zum Beispiel erwies sich der Diakonieflüchtlingsdienst mehrmals als ein wertvoller Partner bei Elterngesprächen, indem er mit den Familien Dolmetscher/innen organisierte und Betreuer/innen bei den Helferkonferenzen anwesend waren.

Angesichts der hohen Anzahl an Schüler/innen mit Fluchtbiografien erweiterte der Bund 2016 die Abteilungen für Schulpsychologie der jeweiligen Bildungsdirektionen mit den sogenannten MITs (mobile interkulturelle Teams). Diese Mitarbeiter/innen vom Verein ÖZPGS https://www.oezpgs.at/  sind Pädagog/innen und Psycholog/innen mit sprachlichen Kompetenzen in Farsi/Dari, Pashtu, Usbekisch, Arabisch, Türkisch und Englisch und können Schulen bei der Elternarbeit unterstützen https://www.bildung-noe.gv.at/Schule-und-Unterricht/Schulpsychologie0/Mobiles-Interkulturelles-Team-N-.html

Je nach Fall kann sie die Schulleitung anhand der Telefonliste direkt kontaktieren oder bei der Kontaktaufnahme mit der Schulpsychologin / dem Schulpsychologen informieren, dass ein Dolmetscher / eine Dolmetscherin beim Elterngespräch anwesend sein sollte.

Außerhalb von Elternarbeit im Fluchtkontext sind die sprachlichen Ressourcen leider knapper und es ist schwierig, Dolmetscher/innen zu finden. Wenn keine Professionisten / Professionistinnen zur Verfügung stehen und Laiendolmetscher/innen organisiert werden müssen, dann ist es zu raten, die Familie aus Eigeninitiative mit einem erwachsenen Dritten zum Gespräch kommen zu lassen, dem sie vertraut. Und sollte auch diese Person im Deutschen Schwierigkeiten haben, müssen sich die Lehrer/innen so einfach wie möglich ausdrücken und das Gespräch mit Bildern unterstützen. Wenn Lehrkräfte dolmetschen, geraten sie aus meiner Sicht in eine problematische Position, die zu Angriffen und Konflikten aller Art führen kann.  Aus Praxiserfahrung – darunter auch als Leiterin eines Wohnprojekts für Asylwerber/innen bei einer österreichischen NGO – habe ich gelernt, möglichst viele Parameter wie religiöse Sensibilitäten und geopolitische Dimensionen in Gesprächen mit oder ohne Dolmetscher/innen zu berücksichtigen. Schulische Gespräche sollten nicht als Machtdemonstration erlebt werden, die durch unfaire Verhältnisse gestiftet werden. (Schulinterne) Lehrkräfte, die dolmetschen, stehen aber in einem Spannungsfeld zwischen Helfer/innen und Vertreter/innen der schulischen Institution, weil ihre Funktion nicht mehr klar definiert wird. Sie werden mit Erwartungen beider Parteien belastet und unnötigerweise einem gewissen Druck ausgesetzt.“

Informationen zum Projekt FAQ zur Unterstützung von Video- und Telefondolmetschen: vd_faq_210312

Anleitung für die Nutzung: 210312_VD-Anleitungen_BE_A4_DRUCK

Literaturtipp: Ahamer, Vera (2013). Unsichtbare Sprachen. Jugendliche Migranten als Laiendolmetscher. Integration durch „Community Interpreting“. Bielefeld: transcript Verlag.

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