Philosophy for Children – Überlegungen für die Umsetzung an voXmi-Standorten. Sekundarstufe 1

Philosophieren in der Sek I nicht möglich? So geht’s!

Als Mittelschullehrer*in mit PP (Psychologie & Philosophie) als Zweitfach verliert man spätestens bei der Begutachtung des eigenen Stundenplans zu Jahresbeginn die Hoffnung daran, einmal dieses interessante Fach, das man mühsam fünf Jahre lang studiert hat, auch wirklich lehren zu dürfen. „Spätestens“ deswegen, weil die Ernüchterung meistens schon mit der Erkenntnis im Studium einhergeht, dass sogar bei einer Lehrtätigkeit in einer AHS-Oberstufe die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, in den ersten 3-5 Jahren PP zu unterrichten. Zu viele Lehrer*innen haben es als Zweitfach und zu wenige Stunden gibt es (wird in der 11. und 12. Schulstufe erst unterrichtet). Nicht von ungefähr kommt es, dass auch der Lehrgang an der Uni Wien für Interessierte geschlossen wurde, da es zu viele Lehrende mit PP als Zweitfach gibt. Dabei hat sich – für uns, drei PP-Absolvent*innen der Uni Wien (Gülsüm BARAN, Sevim KAHRAMAN, Mehmet TANKIR) bereits im Studium – die Frage gestellt „Wieso Philosophie nicht in der Sek I?“

Für Psychologie könnte man das noch einigermaßen plausibel begründen: das Fach bringt per se einen sehr hohen Anspruch an Wissenschaftspropädeutik kombiniert mit komplexen und sehr abstrakten Inhalten, die auch ein gewisses Mindestmaß an kognitiver und sprachlicher Entwicklung voraussetzen, mit sich. Aber dasselbe kann nicht für Philosophie behauptet werden. Während es in Psychologie zu einem sehr großen Anteil darum geht, sich in einem Jahr möglichst viel Fachwissen aus den Bereichen Entwicklungs-, Sozial- und Persönlichkeitspsychologie anzueignen, soll im Fach Philosophie insbesondere auch das „Philosophieren“ als Handlung proaktiv trainiert werden. Es geht um Reflexion, um kritisches Hinterfragen von Gegebenheiten, um Meinungs- und Urteilsbildung. All das sind Inhalte, auf die das Fach Philosophie ja kein Monopol hat, sondern die als überfachliche Kompetenzen fast in jedem Lehrplan der Sek I drinnen stehen.

So kam es, dass wir, nachdem wir drei noch dazu an derselben Schule tätig waren, der Schulleiterin den Vorschlag unterbreiteten, Philosophie auch an der Mittelschule lehren zu wollen. Der Vorschlag wurde, wie von einer voXmi-Schule nicht anders zu erwarten, mit Begeisterung angenommen und uns im Zuge dessen ein Wahlpflichtfach zur Lehre in der 7. Schulstufe zur Verfügung gestellt.

Bevor es losging, setzten wir uns zusammen und tüftelten an einem sog. „Schulinternen Lehrplan für das schulautonome Fach Philosophie“, den wir dann von Prof. Dr. Bettina Bussmann, Philosophiedidaktikerin an der Universität Salzburg mit einem Schwerpunkt auf „Philosophieren mit Kindern“, begutachten ließen. Nachdem auch ihr Feedback eingearbeitet wurde, ging es im SJ 19/20 dann los.

Schulinterner Lehrplan-Entwurf für das schulautonome Fach „Philosophie“ an der GTEMS/NMS Mittelschule Anton-Sattler-Gasse vom 11.03.2019

Das Wahlpflichtfach hieß natürlich nicht „Philosophie“, wir wollten etwas weniger Abstraktes und dafür mehr Greifbares nehmen: „Mein Platz auf der Welt“ wurde das neue Fach getauft und die Anzahl der interessierten Schüler*innen war nicht spärlich, im Gegenteil, das Wahlpflichtfach gehörte neben „Theater und Schauspiel“ und „Informatik“ zu einem der meist frequentierten. Interessant war auch, dass die Anzahl der interessierten „i-Kinder“ (eine 7. Schulstufe war eine Integrationsklasse mit Schüler*innen mit einem SPF, also einem sonderpädagogischen Förderbedarf) auch relativ hoch war, sodass Kinder mit und ohne SPF dann im Wahlpflichtfach zusammen philosophierten.

In jede Einheit wurde seitens Fr. Mag. Baran, die das Fach leitete, ein anderes Thema behandelt, wobei die Methoden (Sesselkreis, Gesprächsrunde, Kugellager, Streitgespräch, Debatte, Podiumsdiskussion) gleich blieben. Aus einem großen Themenpool, der auch im Lehrplan vorkam, haben sich die 11- bis 13-jährigen Teilnehmer*innen vorwiegend für Themen wie Menschenrechte, Kinderechte, Krieg und Armut, Schönheit sowie auch Glück entschieden.

„Was mir am meisten gefiel, war, wie im Zuge der Debatten und Diskussionen sich die Meinungen der Kids, die anfangs so starr waren und wie in Stein gemeißelt zu sein schienen, wandelten. Und das nicht durch mein Eingreifen, sondern durch die gegenseitige kritische Auseinandersetzung, die kritische Reflexion sowie den plausiblen Argumentationen“, stellt die Philosophielehrerin im Nachhinein fest.

Wie ging zw. geht es weiter?

Durch die Covid-Situation fand im SJ 20/21 kein Wahlpflichtfach statt, sodass auch das WPF Philosophieren nicht zustande kam. Im SJ 21/22 ging man einen Schritt weiter und integriert nun das Philosophieren in den regulären (Fach-)Unterricht. Im Folgejahr 22/23 soll als Steigerung sowohl das additive Philosophieren in Form des Wahlpflichtfachs als integrativ durch eine Einbettung in den Regelunterricht stattfinden. Wir stellen jeden Tag fest: das Interesse sowie das Potenzial seitens der Schüler*innen ist da. Wo also bleiben die bildungspolitischen sowie studienplanmäßigen Adaptionen? Wieso ein ganzes Lehramtsfach an der Uni schließen, anstatt die Sek I für die Philosophie zu öffnen?

Mehmet Fatih TANKIR

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